Partizipative Forschung schaffen

Reagenzglas Foto: uniinnsbruck via Flickr.com, Lizenz: CC BY-NC 2.0

Das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) hat ein Grundsatzpapier zur Partizipation der Zivilgesellschaft herausgegeben, in dem es sich für stärkere Bürgerbeteiligung in der Forschung ausspricht.
Vor dem Hintergrund einer zunehmend differenzierten politischen Kultur in Deutschland und neuen Möglichkeiten der Partizipation durch die Digitalisierung der Gesellschaft benennt das Papier eine Reihe von Vorteilen, die Bürgerbeteiligung in der Forschungs- und Innovationspolitik haben kann. Im Mittelpunkt steht der Anspruch, dass gesellschaftlicher Fortschritt mit den Bedürfnissen der Zivilgesellschaft korrelieren müsse, wobei der zivilgesellschaftlichen Beteiligung eine Reihe positiver Faktoren zugeschrieben werden:

  • Die Berücksichtigung von gesellschaftlichen Forschungsinteressen und die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure könne die gesellschaftliche Relevanz der Forschungs- und Innovationspolitik erhöhen,
  • die Einbindung der Zivilgesellschaft wirke transparenzfördernd und legitimitätsstiftend,
  • es werde im Sinne der Citizen Science das Wissen der Vielen genutzt,
  • frühzeitig implementierte Beteiligung könne vertrauensbildend wirken,
  • Interesse und Neugier an neuen Themen werde bestärkt.

Zur Realisierung dieser positiven Elemente der Bürgerbeteiligung hat das BMBF Leitlinien formuliert. Demnach verfolge es einen differenzierten Ansatz bei der Wahl der Partizipationsformate und -verfahren, sodass fall- und themenweise ein erfolgversprechendes Verfahren ausgewählt werde, das je nach Partizipationsziel auch die spezifische Akteurskonstellation berücksichtige. Zusätzlich bekennt es sich zum Prinzip der Handlungs- und Umsetzungsrelevanz. Beteiligungsangebote sollten demnach eingehalten werden und erarbeitete Beteiligungsergebnisse glaubwürdig in den Ergebnisfindungsprozess einfließen. Gleichzeitig benennt das Papier auch Grenzen der Mitwirkung und verweist beispielhaft auf die Sicherung der Freiheit der Wissenschaft.

Anhand einer Auflistung und Darstellung von durchgeführten und gegenwärtig laufenden Projekten des Ministeriums erfolgt eine Darstellung von sechs Anwendungsbereichen partizipativer Verfahren in der Forschungs- und Innovationspolitik. Sie beziehen sich wahlweise auf die Stärkung der Partizipation in der Forschungspolitik, der Forschung selbst oder auf die Rahmenbedingungen für Partizipation.

Zur Unterstützung der Darstellung fasst das Dokument am Ende die Ausführungen tabellarisch zusammen und zeigt die unterschiedlichen Zielsetzungen und Methoden auf, die in den einzelnen Anwendungsbereichen relevant sind. Während bspw. bei partizipativen Forschungsprojekten angstrebt wird, die Bürgerinnen und Bürger zum Mitmachen anzuregen, dominiert beim Versuch, Forschungsergebnisse in die Gesellschaft zu tragen, die Transferfunktion. Sie dient dem Ziel, Interesse für die Arbeit der Wissenschaft zu wecken.

Im Anhang der informativen Publikation finden sich etliche nützliche weiterführende Informationen: Eine Erläuterung des Konzepts der Zivilgesellschaft, eine Typologie zur Partizipation im Bereich Forschung und Innovation, eine Übersicht zu wichtigen Qualitätsstandards bei Beteiligungsverfahren, die auch jenseits von Forschung und Entwicklung relevant ist, sowie eine Auflistung ausgewählter Beteiligungsmethoden inklusive einer kurzen Erläuterung.

NABU fordert Erweiterungen

In einer Stellungnahme des NABU wird grundsätzlich begrüßt, dass das BMBF ein Papier vorgelegt hat, das darlegt, wie zukünftig zivilgesellschaftliche Partizipation im Bereich der Forschungs- und Innovationspolitik gelingen soll. Vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen wird jedoch kritisiert, das das Grundsatzpapier nicht ambitioniert genug sei, weswegen acht Kritikpunkte formuliert werden. Unter anderem wird die unvollständige Begründung hinsichtlich der Notwendigkeit des stärkeren Einbezugs der Bürgerinnen und Bürger in Forschungsfragen thematisiert. Aus Sicht des NABU brauche es aufgrund der komplexen globalen Probleme einen transdisziplinären Ansatz, der die Bürgerinnen und Bürger bei der Erforschung von Zusammenhängen eng einbinde. Zudem werde die essentielle Rolle der zivilgesellschaftlichen Akteure als Gemeinwohlvertreter gegenwärtig nicht deutlich genug herausgestellt, obwohl sie essentiell für die Output-Legitimiation wissenschaftlicher Forschung sei. Gleichermaßen thematisiert die Stellungnahme die Wichtigkeit zivilgesellschaftlicher Partizipation bei Fragen der Kontrolle und Risikobewertung von Forschung. Die Zivilgesellschaft leiste einen wichtigen Beitrag im Rahmen einer verantwortungsbewussten Technikfolgenabschätzung und ihr Einbezug bedrohe auch in keinster Weise die eingangs angesprochene Freiheit der Wissenschaft. Die Stellungnahme verweist zum Ende auf die Notwendigkeit einer umfassenden Wissenskommunikation, die dem Anspruch gerecht werden müsse, weite Teile der Bevölkerung zu erreichen und fordert zum Nachdenken auf, wie auch bildungsferne Schichten und Immigranten erreichbar sind.

Weiterführende Informationen

  • Das Grundsatzpapier des BMBF können Sie an dieser Stelle beziehen
  • Die vollständige Stellungnahme des NABU kann hier heruntergeladen werden.