Katrin Uray-Preininger: Beteiligung von Anfang an!

Die Soziologin und Projektleiterin bei beteiligung.st Katrin Uray-Preininger stellt in ihrem Gastbeitrag das aktuelle Projekt “Beteiligung von Anfang an!” vor. Das Projekt ermöglicht auch den Kleinsten demokratische Strukturen und Mitsprache zu lernen.

Foto: beteiligung.st

Donnerstagnachmittag. In einer Kindergarteneinrichtung irgendwo in der Steiermark. Die Ruhezeit ist vorbei, ein Mädchen schlägt den Gong. Die Kinder wissen: Nun beginnt die Kinderkonferenz! Am Weg in den Bewegungsraum, in dem die Konferenz stattfindet, wird ein Lied angestimmt: „1234567, kommt jetzt mit, ihr Lieben! Die Konferenz beginnt, das weiß nun jedes Kind!“ Die Kinder kommen angelaufen und setzen sich im Kreis nieder. Von einigen Kindern ertönt es gut gelaunt: „Kinderkonferenz, Kinderkonferenz!“ Die Pädagogin begrüßt und erklärt, was heute besprochen wird. Ein Punkt auf der Tagesordnung lautet: „Heute könnt ihr einbringen, was ihr in der nächsten Woche im Bewegungsraum spielen wollt!“ Einige Kinder heben ihre Hände und möchten am liebsten sofort ihre Wünsche äußern …

beteiligung.st, die Fachstelle für Kinder-, Jugend- und BürgerInnenbeteiligung, ein gemeinnütziger und überparteilicher Verein mit Tätigkeitsschwerpunkt in der Steiermark, setzt sich seit seiner Gründung vor zehn Jahren für das Recht auf Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen ein und entwickelt gemeinsam mit Regionen, Kommunen und Institutionen passende Rahmenbedingungen für eine Kultur des Mitredens, Mitmachens und Mitbestimmens. Der Schwerpunkt der Vereinsarbeit lag stets im Bereich der Jugendbeteiligung. Dabei wurde oft sehr deutlich: jene Jugendliche, die bereits Erfahrung mit Mitbestimmung haben, die es gewohnt sind, sich mitzuteilen und mitzureden, bewältigen dies auch als Jugendliche leichter und selbstverständlicher. Daher war es für uns nur konsequent, uns auch Methoden und Projekte für jüngere Zielgruppen zu überlegen. 2014 wurde eine Projektschiene ins Leben gerufen, um auch den Kleinsten dort demokratische Strukturen und Mitsprache zu ermöglichen, wo sie täglich viele Stunden in einer Gemeinschaft verbringen: Mit „Beteiligung von Anfang an!“ werden Kindergarteneinrichtungen beim Aufbau von Beteiligungsstrukturen für Drei- bis Sechsjährige begleitet.

Demokratie lernen im Kindergarten

In einer demokratischen Gesellschaft zu leben, muss gelernt werden. Und das beginnt schon im Kindergartenalter, wenn Kinder erstmals das Leben in Gemeinschaften außerhalb von Familie und Verwandtschaft kennenlernen.

Mit dem Besuch des Kindergartens kommt auf Mädchen und Buben viel Neues zu – unter anderem müssen sie nun lernen, wie das Miteinander mit den anderen Kindern funktionieren kann und ihren Platz in der Gruppe finden. Wer hat welche Rechte? Wer hat wie viel Macht? Wie viel darf ich selbst mitbestimmen? Kann ich meine eigene Meinung sagen? Wann kann und darf ich etwas sagen? Damit eröffnen sich neue Erfahrungsräume, die Grundlage für das spätere Leben in der Gesamtgesellschaft sind.

 Kindergarteneinrichtungen setzen auf Beteiligung

Über ein halbes Jahr hinweg werden die pädagogischen Teams der elementaren Bildungs- und Betreuungseinrichtungen von beteiligung.st begleitet, sich mit Beteiligungsmöglichkeiten in der eigenen Einrichtung auseinanderzusetzen. Die Kindergarteneinrichtung benennt zwei PädagogInnen, die „Beauftragte“ im Sinne der Beteiligung im eigenen Kindergarten sind. Diese sind für die tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema in der Einrichtung verantwortlich, kümmern sich um den Wissenstransfer zwischen Fachstelle und Team. In mehreren Workshops, größtenteils vor Ort in der Einrichtung, wird im Team gemeinsam überlegt, welche Beteiligungsstrukturen für den eigenen Kindergarten passen. Dabei ist es wichtig, die Kompetenzen und Erfahrungen aller Beteiligten gut wahr zunehmen und einzubinden. Auch auf die alltägliche Beteiligung und Beziehungsgestaltung mit den Kindern wird großes Augenmerk gelegt. Die eigene Haltung als Erzieherin wird laufend reflektiert: Wo fällt es mir leicht, die Kinder gut einzubinden? Wo liegen Herausforderungen in der Einbeziehung der Kinder und wie kann ich damit umgehen?

Am Ende dieses Prozesses wird vom Team gemeinsam festgelegt, welche Rechte die Kinder in der Einrichtung haben – und welche Strukturen vorhanden sind, um diese auch wahrnehmen zu können: dies kann beispielsweise eine regelmäßige Kinderkonferenz sein. Dies wird verschriftlicht und ins einrichtungseigene Konzept aufgenommen. Die Kinder wissen über ihre Rechte Bescheid – und kennen die Gremien, die ihnen Mitbestimmung ermöglichen. Auch die Eltern werden darüber informiert, üblicherweise über Aussendungen und Elternabende.

PädagogInnen haben Kinderideen im Blick

Aktuell nehmen vier Kindergarteneinrichtungen am Projekt teil und beschäftigen sich intensiv mit Beteiligungsprozessen in ihren Einrichtungen. Auch für erfahrene PädagogInnen ergeben sich oft überraschende Momente mit den Kindern. Viele sind erstaunt, wie schnell die Kinder sich darauf einlassen können, sich in der Kinderkonferenz einzubringen – und über ihre Ideen auch abzustimmen. Eine Pädagogin berichtet: „Bei der Kinderkonferenz können die Kinder auch darüber abstimmen, wie wir am nächsten Tag die Bewegungseinheit gestalten wollen. Es gibt mehrere Dinge zur Auswahl; diese sind auf Bildern dargestellt. Die Kinder dürfen dann der Reihe nach mit einem Glasmuggelstein abstimmen, was sie am nächsten Tag gerne machen möchten. Wir haben beim ersten Mal gedacht, die Kinder werden sicher alle das Gleiche wählen, aber das war nicht so. Die Kinder haben ganz genau überlegt, was sie machen möchten, und auch Kinder, die viel Zeit gemeinsam verbringen haben unterschiedlich abgestimmt“. Wenn es für Kinder eine gute Möglichkeit gibt, ihre Anliegen und Ideen einzubringen und dabei erfahren, dass diese auch gehört und ernst genommen werden, beginnen die Ideen zu sprudeln. Viele PädagogInnen sind es aus der Praxis gewohnt, sich laufend Inhalte selbst zu überlegen und aufzubereiten. In einer gelebten partizipativen Praxis bringen Kinder oft selbst Ideen für Inhalte ein – partizipativ arbeitende PädagogInnen greifen diese Ideen auf und erarbeiten sie gemeinsam mit den Kindern. Was im ersten Moment nach mehr Arbeit aussieht, kann zu einer großen Entlastung im Alltag werden, wie eine Pädagogin nach dem Projekt berichtet: „Mir gefällt es sehr gut, so zu arbeiten. Ich finde auch, dass die Beziehung zu den Kindern noch besser geworden ist. Weil ich nicht mehr diejenige bin, die sich Ideen überlegt, sondern ich die vielen Anregungen von den Kindern aufnehme und damit arbeiten kann.“

Das Handbuch „Beteiligung von Anfang an!“ steht kostenlos zum Download zur Verfügung. Zum Projekt ist auch ein Film entstanden, der einen guten bildlichen Eindruck in die Arbeit mit den Kindern gibt.


Katrin Uray-Preininger ist Soziologin, Pädagogin, Trainerin für Erwachsenenbildung, Projektleiterin bei beteiligung.st, die Fachstelle für Kinder-, Jugend- und BürgerInnenbeteiligung, in Graz.