Elke Keller: Ethnologischer Ansatz für bessere Beteiligung

Elke Keller zeigt in ihrem Gastbeitrag, warum ein Institut für Partizipation notwendig ist und dass die Ethnologie wichtige Erkenntnisse für eine partizipativere Gesellschaft bereithält.

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung via flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die Lücken schließen

Eine Denkfabrik für Partizipation, wie Jörg Sommer eine plant, ist ein adäquater Ansatz, um sowohl auf den diversen Entscheidungsebenen als auch innerhalb der interessierten Bürgerschaft ein “Mehr” an Partizipation zu erreichen. Die Reichweite des Instituts sollte dabei von besonderem Interesse sein. Ein unabhängiges und kompetentes Institut, ein Bottom-up-Projekt, welches auch sprachlich nicht ausschließlich akademisch orientiert ist und für gute Partizipation in all ihren Facetten begeistern will, kann einen vielversprechenden Beitrag zur Verbreitung, Vertiefung und Differenzierung der Debatte um Teilhabe leisten.

Die von Jörg Sommer beispielhaft erwähnten Institute für Klimaforschung oder Nachhaltigkeit unterscheiden sich dabei insofern von dem geplanten Institut für Partizipation, als dass erstere eher zu den Advokat*innen der unbelebten Natur zu zählen sind. Die Untersuchungsgegenstände sind hier naturwissenschaftlicher Art, die Beobachtungen sind leicht quantifizierbar und in kausale Zusammenhänge zu setzen. Eine Denkfabrik für Partizipation wäre jedoch vielmehr eine Advokatin der belebten Natur, des Menschen und der Gesellschaft.

Alle erreichen

Da Partizipation für alle gilt, sollte die neue Institution deshalb auch eine Advokatin aller Bürger*innen sein. Ein Arbeitsfeld könnte daher die faktische Repräsentations- und Partizipationslücke zwischen Teilen der Bevölkerung und der Politik fokussieren, denn diese Lücke existiert zeitgleich zum steigenden Interesse an Partizipation und zur wachsenden Anzahl durchgeführter Beteiligungsverfahren.

Sichtbar wird die Lücke etwa an einer tendenziell rückläufigen Wahlbeteiligung oder an der Selektivität der Teilnehmerschaft von Bürgerbeteiligungsverfahren. Die zuweilen übliche intransparente Ausgestaltung solcher Verfahren kann die Lücke dabei noch vergrößern, bspw. durch die Desillusionierung vormals Engagierter. Ein Institut für Partizipation sollte sich also nicht nur für ein “Mehr” an Partizipation einsetzen, sondern ebenfalls für ein “Mehr” an Partizipant*innen. Im Resultat bedeutet dies nichts weniger als den Einsatz für die Etablierung einer neuen politischen Kultur auf der Basis einer symmetrischen Kommunikationskultur.

Potenziale des ethnologischen Ansatzes

Im Gegensatz zur “Kolonialethnologie” der Anfangszeit, die sich aus einer evolutionistischen Perspektive mit sog. außereuropäischen Gesellschaften befasste, ist die Ethnologie des 21. Jahrhunderts vielfältig aufgestellt und bringt ihre Erkenntnisse auch in aktuelle politische Thematiken ein. Etwa kritisch interdisziplinär wie David Graeber (2012: Schulden. Die ersten 5000 Jahre) oder politikberatend wie Susanne Schröter vom Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam.

Das Thema Partizipation jedoch wird bisher wissenschaftlich überwiegend von Politikwissenschaft, Soziologie oder Philosophie bearbeitet, aber gerade hier scheint ein ethnologischer Ansatz passend. Dieser lebt das Partizipative bereits durch seine holistische Perspektive, die alle einbezieht, und durch seine Face-to-Face-Methoden. Ob “teilnehmende Beobachtung” (participant observation) oder narrative Interviews, die erforschten Personen bestimmen die Richtung. Diese Vorgehensweise ist folglich nicht theoriegeleitet, sondern theoriegenerierend. Hypothesen werden nicht getestet, sondern Thesen entstehen während der Feldphase. Dies ermöglicht die Ermittlung von Bedarfen, die Evaluation von gescheiterten Verfahren und das Aussprechen von kontextbezogenen Empfehlungen. Solche Einzelfallprojekte sind zwar zeitintensiv und nicht leicht übertragbar, doch können sie als Korrektiv oder Erweiterung bedeutsame Erkenntnisse formulieren. Etwa bezüglich der Partizipationsbereitschaft einer Stadtregierung oder den Gemeinsamkeiten der Teilnehmenden eines Verfahrens. Somit kann eine weitere Forschungslücke geschlossen werden.

Die angestrebte Interdisziplinarität des neuen Instituts böte nun gerade in einem Arbeitsfeld “Lücke” die Möglichkeit der Integration des wenig etablierten ethnologischen Forschungsstils. Um die Bedingungen der “Lücke” besser zu verstehen und das Partizipationspotenzial politisch inaktiver Menschen zu erkennen, bietet sich eine Ergänzung der etablierteren deduktiven Forschungsstile um qualitativ-induktive Einzelfallprojekte an. Diese beugen der Gefahr einer eindimensionalen Perspektive vor und hemmen somit eine praktische Ausrichtung, die sich ausschließlich an den Bedürfnissen bestimmter Gruppen orientiert.

Die holistische Perspektive und die akteurszentrierten Methoden ethnologischer Untersuchungen können das neue Institut für Partizipation folglich dabei unterstützen, als Advokatin aller Bürger*innen zu agieren.

Eine bereits seit 1970 tätige Denkfabrik, die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, baut beispielsweise seit 2012 eine ethnologische Forschungsgruppe auf, um Konflikte besser verstehen zu lernen. Das Erkunden der Welt “from below and from within”, das ein ethnologischer Zugang bietet, wäre deshalb meines Erachtens auch ein Gewinn für das neue Institut für Partizipation.

BürgerDenkfabrik

Die Kategorisierung des neuen Instituts für Partizipation anhand der englischen Bezeichnung “Think Tank” mag notwendig sein, um Außenstehenden einen Eindruck vom Grad der Intellektualität und der Expertise der neuartigen Institution zu vermitteln. Die Entstehung nach dem Bottom-up-Prinzip ist nun aber nicht nur ein wichtiger Grundpfeiler des neuen Instituts, sondern auch ein maßgebliches Distinktionsmerkmal zu anderen Think Tanks, was sprachlich leider unberücksichtigt bleibt. Ich werde deshalb das zukünftige Institut für Partizipation lieber als “Public Think Tank”, “Civic Think Tank” oder schlicht als “BürgerDenkfabrik” bezeichnen.


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 Elke Keller studierte Politikwissenschaft (B.A., 2014) und Ethnologie (M.A., 2017) auf dem zweiten Bildungsweg. Ihre Masterarbeit umfasst eine ethnologische Einzelfallstudie zur Bürgerpartizipation in Frankfurt am Main (“Mittendrin – oder nur dabei?” Vom Sein und Schein der Bürgerpartizipation in Frankfurt am Main). Sie beschäftigt sich mit partizipativen Wohnformen und arbeitet beim Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen e.V.