Eine Frage des Vertrauens

An was liegt es, dass sich so viele Menschen bei all den Möglichkeiten immer noch nicht beteiligen? Und welche Möglichkeiten gibt es dem entgegenzuwirken? Ein aktuelles Forschungsprojekt hat interessante Antworten und Lösungsvorschläge gefunden.

Beteiligungskultur Foto: Maryland GovPics via flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Bürgerbeteiligung hat in den letzten Jahren an Selbstverständlichkeit gewonnen. Während ein quantitativer Anstieg der Beteiligungsformate zu verzeichnen ist, ist damit allerdings noch nichts über die Qualität dieser Verfahren gesagt. Für die Qualität eines Beteiligungsverfahrens sind Repräsentativität oder zumindest Heterogenität der Teilnehmenden von Bedeutung. Das zu erreichen ist aber nicht so einfach.

Bestimmte gesellschaftliche Gruppen üben mehr Einfluss auf die Ergebnisse eines Beteiligungsverfahrens aus als andere, die sich tendenziell weniger beteiligen. Angebote zur Beteiligung werden häufig vor allem von der Mittelschicht und von bereits Engagierten wahrgenommen. Warum viele Gesellschaftsgruppen Beteiligungsangebote nicht nutzen und welche Möglichkeiten es gibt, nicht erreichte Gruppen stärker zu beteiligen, sind zentrale Leitfragen des Forschungsprojekts „Inklusion in der Bürgerbeteiligung“ des Instituts für Partizipatives Gestalten.

Technik als Mittel zur Inklusion?

Vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen in der Beteiligungspraxis steht im Zentrum des Forschungsprojekts die Frage, wie informelle Beteiligungsverfahren inklusiver gestaltet werden können. Die Forschung zur Qualität von Beteiligungsverfahren steckt noch in den Anfängen. Anhand der Ergebnisse sollen Impulse und konkrete Handlungsempfehlungen für die Optimierung von Beteiligung in Hinsicht auf Inklusionsaspekte gegeben werden. Dabei wurde im Rahmen des Projekts ein Webtool zur Planungshilfe für komplexe Beteiligungsverfahren entwickelt. Dort werden die gewonnenen Erkenntnisse in Form von „Mustern des Gelingens“ für eine qualitativ hochwertige Beteiligung übersetzt. Daten aus Literaturrecherche, empirischer Befragung und dialogischer Auswertung wurden hierfür kombiniert und anschließend zu konkreten Lösungsmustern ausgearbeitet.

Ausgangspunkt des Vorhabens war die Annahme, dass Inklusion in informellen Beteiligungsverfahren zu einem großen Teil auf eine technische Weise zu bewerkstelligen sei. So war anfangs auch die Vorstellung des zu entwickelnden Webtools davon geprägt, dass dieses in erster Linie passende Formate und Methoden aufzeigt. Verantwortliche konnten dann die richtigen Methoden auswählen und dadurch eine inklusive Beteiligung ermöglichen. Demnach sollte durch eine optimale Verfahrensgestaltung wie bspw. durch eine Kombination mit innovativen und kreativen Formaten die Inklusion von gesellschaftlich tendenziell gering beteiligten Gruppen gestärkt werden. Die optimale Methode allein reicht dennoch nicht aus. Man kann formal, technisch und methodisch vieles richtig machen und doch keinen oder nur geringen Erfolg haben.

Glaubwürdigkeit und Wertschätzung sind entscheidend

Für die Beantwortung der Frage, warum manche Gruppen in der Gesellschaft Beteiligungsangebote nicht nutzen, wurden Prozessverantwortliche und Nicht-Beteiligte befragt. Dabei sind die Forscher auf wichtige Aspekte gestoßen, die sich nicht allein durch technische Mittel aus der Welt schaffen lassen. Neben den gängigen Gründen für eine Nicht-Beteiligung wie mangelnde Zeit, Lust, Interesse oder mangelnde Ressourcen sind diese Gründe Teil eines individuellen Begründungskomplexes. Es hat sich herausgestellt, dass dieser sehr stark von gesellschaftlich oder kulturell geprägten Wahrnehmungen zur eigenen Rolle und Wirksamkeit innerhalb der Gesellschaft bestimmt ist. Deutlich wurde auch, dass insbesondere das Thema Vertrauen, sowohl in Bezug auf das eigentliche Verfahren als auch allgemein ein grundsätzliches Vertrauen in Gesellschaft und Politik, wesentlich darüber entscheidet, ob sich Menschen beteiligen oder nicht.

Aspekte wie Glaubwürdigkeit, Sinnhaftigkeit und Wertschätzung stehen also über dem passenden Zeitpunkt oder schön gestalteten Plakaten. Die Erkenntnisse der Forschung liefern eine somit mögliche Begründung für die Tatsache, warum Angebote zur Beteiligung nicht alle sozialen Milieus erreichen. Ob Menschen sich als Subjekt oder als Objekt und damit als Spielball politische Prozesse wahrnehmen, gibt den entscheidenden Ausschlag für oder gegen eine Beteiligung.

Lösung: eine Kultur der Teilhabe

Das Forschungsprojekt hat gezeigt, dass Technik zwar viele niederschwellige Möglichkeiten zu Bürgerbeteiligung bietet. Jedoch umfasst erfolgreiche Beteiligung weit mehr als die professionelle Durchführung von Beteiligungsverfahren. Es gilt in erster Linie ein Vertrauen zwischen allen Akteuren zu schaffen. Demnach lässt sich die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, vielfach nicht erreichte Gruppen für Beteiligung zu gewinnen, also nur mit der Etablierung einer positiven Kultur der Teilhabe beantworten. Deren Ziel muss es sein, transparente Auseinandersetzungen und Kommunikation zu ermöglichen. Nach den Ergebnissen des Forschungsprojekts muss ein grundsätzlicher Rahmen geschaffen werden, in dem sich eine positiv auswirkende gesellschaftliche und politische Praxis etablieren kann.

Der Blick von Prozessverantwortlichen sollte zukünftig neben Aspekten der konkreten Verfahrensgestaltung auch die gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse beachten. Mit dem Webtool wird vorhandenes Wissen systematisch erfasst und zugänglich gemacht. Die Beteiligungsleinwand 3.0 gibt den Verantwortlichen Impulse, wie sie am besten dafür sorgen können, dass bisher nicht erreichte Gruppen aktiviert werden. Jeder, der ein Beteiligungsvorhaben plant, kann sich dort eine eigene Leinwand erstellen und so den Überblick über das gesamte Verfahren und den Prozess behalten.