Das partizipative Reallabor

Foto: Mark Schwalm

Autorinnen: Nora Freier (Bergische Universität Wuppertal) und Saskia Dankwart (Kulturwissenschaftliches Institut Essen)

Die Wurzeln des Reallabors liegen in der Planungszelle der Forschungsstelle Bürgerbeteiligung der Bergischen Universität Wuppertal (siehe Bürgergutachten/Planungszelle sowie Forschungsstelle Bürgerbeteiligung der Bergischen Universität Wuppertal), die von Prof. Dr. Hans J. Lietzmann geleitet wird. Das Verfahren wurde Anfang der 1970er Jahre als Instrument zur Beteiligung von BürgerInnen an politischen Entscheidungsprozessen entwickelt und seither auf nationaler und internationaler Ebene vielfach erfolgreich eingesetzt (siehe z. B. die Planungszelle Wermelskirchen).

Für den Umgang mit komplexen Fragestellungen stellt das Konzept des partizipativen Reallabors ein hochinklusives und zugleich experimentelles Beteiligungsverfahren auf lokaler Ebene dar in dessen Fokus die beteiligungsorientierte Herausbildung von Zielwissen steht.

Zentral für das Reallabor ist, dass es gleichermaßen BürgerInnen sowie InteressenvertreterInnen mit einbezieht und einen umfassenden thematisch fokussierten Austauschdialog zwischen ihnen gestaltet. Zu diesem Zwecke gliedert sich das mehrtägige Verfahren in drei verschiedene Labs. Erhalten wird hierdurch ein differenziertes Wissen über die je eigenständige Expertise sowie über thematische Abgrenzungen untereinander. In einem unmittelbaren Austauschprozess werden die Bottom-up-Verständnisse und Lösungswege der BürgerInnen mit der pluralen ökonomisch-technischen, politisch-administrativen bzw. ökologischen Expertise der InteressenvertreterInnen in ein produktives Verhältnis gebracht. Mit der anschließenden beteiligungsorientierten Priorisierung (nicht Festlegung) hervorgehobener Standards wird eine bürgerschaftlich verlässliche Realitätssicht geschaffen.

Verfahrenskonzept

Ja

Funktion
  • Informelles hochinklusives Beteiligungsverfahren bei dem Kooperation und Konsensbildung im Vordergrund stehen
  • Empowerment der Bürger durch Information und deliberative Kompromissbildung (Fung 2004; Carson/Hart 2005)
  • Real-Experiment auf lokaler Ebene (vgl. Groß u.a. 2005) und spezifische Form des action research (vgl. WBGU 2011) in deren Fokus die Herausbildung von sozial robusten Wissen für Transformationsprozesse steht
  • Gestaltung partizipatorischer Governance-Prozesse
Gruppengröße

2 Gruppen à 25 BürgerInnen

Teilnehmer (Min.)

Insgesamt mindestens 40

Teilnehmer (Max.)

Insgesamt maximal 60

Zielgruppe

Allgemeine Bürgerschaft, die im aleatorischen Verfahren ausgewählt wird. Mit der Zufallsauswahl wird eine bunte Mischung von Menschen verschiedensten Alters sowie sozialer, kultureller und ethnischer Herkunft erzielt und dem NIMBY-Effekt (Not In My BackYard) sowie der hohen Selektivität, der heute selbst politische Wahlen ausgesetzt sind mit Unterstützungsleistungen begegnet.

Vorbereitung
  • Im Rahmen der inhaltlichen Vorbereitung steht die Konzeptionierung des Arbeitsprogramms im Fokus. Gegliedert in thematisch spezifizierte Arbeitseinheiten wird die Vermittlung von Expertenwissen und das Fachmaterial in seinem methodischen und zeitlichen Ablauf strukturiert.
  • Neben der Organisation geeigneter Räumlichkeiten und Materialien erfolgt der Auswahl- und Einladungsprozess. Für das BürgerLab gehören neben der aleatorischen Auswahl auch die Organisation von geeigneten Unterstützungsleistungen für die Teilnahmebereitschaft (Bildungsurlaub, Kinderbetreuung, Dolmetscher).
Reallabor

Foto: René Gruszka und Paul Nick – bulb kreativbüro

Ablauf

Im Rahmen des mehrtägigen Reallaborverfahrens arbeiten die Teilnehmer nach einem festen Arbeitsprogramm an der gestellten Aufgabe. In einzelne, thematisch spezifizierte Arbeitseinheiten strukturiert bietet das Arbeitsprogramm die notwendige Zeit zur Information, Erörterung und Entscheidungsfindung, ist aber zugleich auch ein begrenzender Rahmen, der ein Ausufern der Diskussion verhindert. In den Arbeitseinheiten werden die Teilnehmenden zunächst durch geladene Experten von unterschiedlichsten Ämtern, Organisationen und Institutionen informiert. Erörtert und in Bezug zu den persönlichen Erfahrungen und dem Alltagswissen gesetzt werden diese Sachinformationen in unmoderierten deliberativen Foren. Diese werden nach dem Zufallsprinzip in jeder Arbeitseinheit neubesetzt. Möglichen Gruppendynamiken und Meinungsführerschaft wird dadurch entgegengewirkt und eine faire Diskussion erreicht. Die Ergebnisse der deliberativen Kompromissbildung werden im Plenum präsentiert und bewertet. Verschiedene Sichtweisen und Perspektiven kommen ebenso zu Wort sowie auch dem Einlassen auf Argumente, Meinungsänderungen genügend Zeit eingeräumt wird.

Das Ergebnis des Reallabors ist ein Bürgergutachten. Das Bürgergutachten fasst den Verfahrensablauf und die erarbeiteten Ergebnisse zusammen. Dies dient der Transparenzsicherung sowie der Nachvollziehbarkeit des Gesamtentstehungsprozesses. Zudem können die Ergebnisse als Handlungsempfehlung und Hinweis in weitere politische Entscheidungsprozesse einfließen.

Benötigtes Material und Infrastruktur
  • ExpertInnen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zur Vermittlung von Sachwissen.
  • Geeignete Räumlichkeiten inkl. Arbeits- und Präsentations- sowie Cateringmöglichkeiten.
  • Arbeitsmaterial für die TeilnehmerInnen.
Dauer

Mehrtätig; i.d.R. 4 Tage

Kosten pro Teilnehmer

Keine Kosten für die Teilnehmer

Anforderungen an Moderation

Das zwingend ergebnisoffene Verfahren wird neutral von einem gemischten Moderatorenteam begleitet. Je eine Moderatorin und ein Moderator erläutern das methodisch strukturierte Programm und die einzelnen Verfahrensabläufe pro Gruppe und achten dabei auf die Einhaltung des Zeitplans. Weder auf die Inhalte des Programms noch auf die Vermittlung der Sachinformationen wird Einfluss ausgeübt.

Professionelle Moderation

Erforderlich